Es ist wieder passiert....
Verfasst: Mo 28. Nov 2022, 23:20
Endlich mal wieder ein paar freie Stunden um "einfach" zu fahren! Ist schon eine Weile her, dass der Terminplan das hergegeben hat. So habe ich mich an einem sommerlichen Samstag nachmittag mit meiner 650er V-Strom anfangs ziellos die Rheinebene entlang treiben lassen um dann irgendwann bewusst den Aufstieg in Richtung Schwarzwaldhochstraße anzugehen. Die meisten Asphaltbänder dort hoch haben in den letzten Jahren gelitten und machen neben den noch immer grandiosen Ausblicken ins Rheintal keinen großen Spaß mehr zu fahren. Zwei Zufahrten sind jedoch recht neu asphaltiert und nicht in jeder Kurve mit Bitumenstreifen geflickt. Da fällt die Wahl leicht, nebenbei sind hier auch noch die leckersten Kurven und überschaubarer Verkehr zu finden.
Noch vor 20 Jahren als der Führerschein frisch war und die Jahresfahrleistung bei mehr als 20.000km lag, bin ich diese Strecken mindestens einmal pro Woche gefahren. Der Reifensatz war trotz der nur 61PS nach 4.000km runter radiert und die Schrauben an den Fußrasten wollten immer wieder gewechselt werden bevor die Raste selbst in Mitleidenschaft gezogen wurde. Entsprechend kannte ich die Kurven noch – nicht auswendig wie früher – aber zumindest so, dass ein flottes Vorankommen möglich war.
Anfangs zurückhaltend bis das Feeling wieder da ist, nach einigen Kurven schon so mutig dass die Rasten dezent kratzen. Ein Schwung nach dem Anderen, Beschleunigung im zweiten, manchmal in den Dritten Gang ohne dass der Tacho dreistellig wird und immer so, dass das vermeindliche Limit noch weit genug entfernt ist. Angekommen auf der B500 entscheide ich mich die langgezogenen Kehren, die zu XJ-Zeiten selbst bei Vollgas keine volle Schräglage erforderten, mit dem vorgeschriebenen Tempolimit zu durchfahren, ist an diesem sonnigen Wochenendtag doch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass zum Einen viele Touristen arglos umherirren und zum Anderen gezielt Jagd auf Temposünder gemacht wird. Zudem lässt sich nebenbei die Aussicht auch viel besser genießen!
Die zuvor gewählte Abfahrt ist nach 15 min schnell erreicht und so geht es erneut schwungvoll dem Tal entgegen. Nach 5 Minuten taucht vor mir ein Gebückter auf, der es langsam angehen lässt, was zu seinem scharfen 1000er-Werkzeug der Marke "Honda" und der Vollleder-Montur nicht so recht passen will. Das einheimische Kennzeichen lässt ebenfalls nicht vermuten, dass er die Strecke nicht kennt. Nach 3 Kurven des Hinterherfahrens und dem Wissen einer vorausliegenden 100m-Geraden ziehe ich bereits aus der Kurve heraus um die anstehende Schikane mit einer passgenauen Bremsung durchfahren zu können. Jetzt plötztlich ist der Blade-Treiber aus seinem Schlaf erwacht und entdeckt dass sich der rechte Griff drehen und das Zweirad in Kurven legen lässt. Im ersten Moment verärgert über dessen Reaktion, erinnere ich mich....ich bin sein Opfer! Er hat gewartet....er hat gewartet, mich überholen lassen um mir dann zu zeigen wo der Hammer hängt. Damit gerechnet habe ich nicht und dennoch kommt es wie es kommen muss...das Blut gerät in Wallung...das Adrenalin schießt durch den Körper...der Verstand rückt in den Hintergrund...der Jagdinstinkt ist geweckt!
Die nächsten 5 Kurven durchfahre ich zügig, am Kurvenausgang lasse ich die Drehzahl insofern es die folgende Gerade her gibt bis auf 8000 Umdrehungen steigen, die Rasten berühren immer wieder den feinen Asphalt, der genug Grip bietet. Die Blade bleibt im Rückspiegel dicht auf meinen Fersen....die folgende scharfe Links bremse ich stark an, schalte herunter, lasse die Kupplung kommen, der rechte Fuß liegt etwas zu stark auf der Bremse...das Hinterrad bricht aus und schlingert. Das im Winter besuchte Supermototraining zeigt Wirkung! Das Vorderrad bestimmt die Reichtung, das Hinterrad folgt nach wildem Tanz früher oder später. Im SuMo-Stil durchfahre ich mit nach unten gedrückter Maschine die folgenden engen Kurven, der Körper bleibt aufrecht....die Blade wird kleiner! Doch auf den kurzen Geraden holt sie wieder auf um vor der Kurve wieder den Anschluss zu finden.
Auf den vor mir liegenden 2-3 Kilometer Berg- und Talfahrt, vorbei an Bäumen und Lichtungen folgen langgezogene, teilweise nach außen abfallende Kurven...ich "muss" tief in die Trickkiste greifen und die mit Topcase und Tankrucksack beladene DL im HangingOff zu Höchstleistungen treiben. Die Blade hat zu kämpfen, ist nichtmehr so dicht im Rückspiegel. Der Drehzahlmesser geht im 2. Gang immer wieder in den 5-stelligen Bereich, kurze Unterbrechung, dritter Gang, Anbremsen, runterschalten, das Hinterrad fängt an zu wandern, runterdrücken in die Kurve, Körper und Maschine! Am Scheitelpunkt Gas, gerade so dass das Hinterrad noch mitspielt. Der Michelin Pilot Road 4 hat in jedem Bereich unglaubliche Stärken....Grip und Haltbarkeit, im Nassen wie im Trockenen. So geht es die kommenden Kurven und Geraden im "unlimitierten" Geschwindigkeitsbereich der Landstraße, der Körper tiefer als die Maschine um dem Reifen mehr Auflagefläche zu gönnen, der kurvenäußere Fuß nur noch mit den Spitzen auf der Raste...die Blade wird immer kleiner, kann die geringere Kurvengeschwindigkeit auf den kurzen Geraden nichtmehr kompensieren bis sie irgendwann nichtmehr im Rückspiegel auftaucht bevor ich zur nächsten Kurve ansetze. Das folgende Tempo-70-Schild mahnt zur Vernunft, der vorausliegende Parkplatz dient vielen als Startpunkt zu herrlichen Wanderungen. Ich gehe vom Gas, durchfahre die letzte 180-Grad-Kurve zivilisiert um dann deutlich langsamer meinen Weg fortzusetzen. Die Blade taucht ganz am Ende einer Gerade für einen kurzen Moment im Rückspiegel auf...er versucht es nichtmehr, bleibt auf Abstand.
Es ist wieder passiert, es war schon lange her, mehr als 10 Jahre als es zuletzt passiert ist! Ich habe ihn gerichtet! Er wollte mich richten....aber ich habe ihn gerichtet...mit Topcase, Tankrucksack und Jethelm eingestampft. Er wird heutabend seine Blade im Internet inserieren und sich eine Reiseenduro kaufen wollen, die Lederkombi wird gegen eine Kevlar-Jeans, der Integralhelm gegen einen Jethelm getauscht. Ich habe ihn gerichtet und es genossen.
Die Vernunft kehrt vollends zurück als ich in das nächste Dorf einfahre. Ein leichtes Zittern durchfährt mich als das Adrenalin mit dem wieder einsetzenden Verstand kollidiert. Zuhause werde ich nichts davon erzählen, es war nur ein kurzer Ausflug, unspektakulär. Auf der Heimfahrt bleibe ich konzentriert, danke dafür dass nichts passiert ist und frage mich nach dem Sinn. Am nächsten Tag werde ich wandern gehen, sind doch die Eindrücke der Umgebung zu Fuß viel bleibender und intensiver als auf dem Motorrad. Und dennoch: Es wird wieder passieren! Nächste Woche, in einem Jahr, in 10 Jahren, ich weiss es nicht, war es ein Traum, war es Wirklichkeit...aber es wird wieder passieren.
Noch vor 20 Jahren als der Führerschein frisch war und die Jahresfahrleistung bei mehr als 20.000km lag, bin ich diese Strecken mindestens einmal pro Woche gefahren. Der Reifensatz war trotz der nur 61PS nach 4.000km runter radiert und die Schrauben an den Fußrasten wollten immer wieder gewechselt werden bevor die Raste selbst in Mitleidenschaft gezogen wurde. Entsprechend kannte ich die Kurven noch – nicht auswendig wie früher – aber zumindest so, dass ein flottes Vorankommen möglich war.
Anfangs zurückhaltend bis das Feeling wieder da ist, nach einigen Kurven schon so mutig dass die Rasten dezent kratzen. Ein Schwung nach dem Anderen, Beschleunigung im zweiten, manchmal in den Dritten Gang ohne dass der Tacho dreistellig wird und immer so, dass das vermeindliche Limit noch weit genug entfernt ist. Angekommen auf der B500 entscheide ich mich die langgezogenen Kehren, die zu XJ-Zeiten selbst bei Vollgas keine volle Schräglage erforderten, mit dem vorgeschriebenen Tempolimit zu durchfahren, ist an diesem sonnigen Wochenendtag doch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass zum Einen viele Touristen arglos umherirren und zum Anderen gezielt Jagd auf Temposünder gemacht wird. Zudem lässt sich nebenbei die Aussicht auch viel besser genießen!
Die zuvor gewählte Abfahrt ist nach 15 min schnell erreicht und so geht es erneut schwungvoll dem Tal entgegen. Nach 5 Minuten taucht vor mir ein Gebückter auf, der es langsam angehen lässt, was zu seinem scharfen 1000er-Werkzeug der Marke "Honda" und der Vollleder-Montur nicht so recht passen will. Das einheimische Kennzeichen lässt ebenfalls nicht vermuten, dass er die Strecke nicht kennt. Nach 3 Kurven des Hinterherfahrens und dem Wissen einer vorausliegenden 100m-Geraden ziehe ich bereits aus der Kurve heraus um die anstehende Schikane mit einer passgenauen Bremsung durchfahren zu können. Jetzt plötztlich ist der Blade-Treiber aus seinem Schlaf erwacht und entdeckt dass sich der rechte Griff drehen und das Zweirad in Kurven legen lässt. Im ersten Moment verärgert über dessen Reaktion, erinnere ich mich....ich bin sein Opfer! Er hat gewartet....er hat gewartet, mich überholen lassen um mir dann zu zeigen wo der Hammer hängt. Damit gerechnet habe ich nicht und dennoch kommt es wie es kommen muss...das Blut gerät in Wallung...das Adrenalin schießt durch den Körper...der Verstand rückt in den Hintergrund...der Jagdinstinkt ist geweckt!
Die nächsten 5 Kurven durchfahre ich zügig, am Kurvenausgang lasse ich die Drehzahl insofern es die folgende Gerade her gibt bis auf 8000 Umdrehungen steigen, die Rasten berühren immer wieder den feinen Asphalt, der genug Grip bietet. Die Blade bleibt im Rückspiegel dicht auf meinen Fersen....die folgende scharfe Links bremse ich stark an, schalte herunter, lasse die Kupplung kommen, der rechte Fuß liegt etwas zu stark auf der Bremse...das Hinterrad bricht aus und schlingert. Das im Winter besuchte Supermototraining zeigt Wirkung! Das Vorderrad bestimmt die Reichtung, das Hinterrad folgt nach wildem Tanz früher oder später. Im SuMo-Stil durchfahre ich mit nach unten gedrückter Maschine die folgenden engen Kurven, der Körper bleibt aufrecht....die Blade wird kleiner! Doch auf den kurzen Geraden holt sie wieder auf um vor der Kurve wieder den Anschluss zu finden.
Auf den vor mir liegenden 2-3 Kilometer Berg- und Talfahrt, vorbei an Bäumen und Lichtungen folgen langgezogene, teilweise nach außen abfallende Kurven...ich "muss" tief in die Trickkiste greifen und die mit Topcase und Tankrucksack beladene DL im HangingOff zu Höchstleistungen treiben. Die Blade hat zu kämpfen, ist nichtmehr so dicht im Rückspiegel. Der Drehzahlmesser geht im 2. Gang immer wieder in den 5-stelligen Bereich, kurze Unterbrechung, dritter Gang, Anbremsen, runterschalten, das Hinterrad fängt an zu wandern, runterdrücken in die Kurve, Körper und Maschine! Am Scheitelpunkt Gas, gerade so dass das Hinterrad noch mitspielt. Der Michelin Pilot Road 4 hat in jedem Bereich unglaubliche Stärken....Grip und Haltbarkeit, im Nassen wie im Trockenen. So geht es die kommenden Kurven und Geraden im "unlimitierten" Geschwindigkeitsbereich der Landstraße, der Körper tiefer als die Maschine um dem Reifen mehr Auflagefläche zu gönnen, der kurvenäußere Fuß nur noch mit den Spitzen auf der Raste...die Blade wird immer kleiner, kann die geringere Kurvengeschwindigkeit auf den kurzen Geraden nichtmehr kompensieren bis sie irgendwann nichtmehr im Rückspiegel auftaucht bevor ich zur nächsten Kurve ansetze. Das folgende Tempo-70-Schild mahnt zur Vernunft, der vorausliegende Parkplatz dient vielen als Startpunkt zu herrlichen Wanderungen. Ich gehe vom Gas, durchfahre die letzte 180-Grad-Kurve zivilisiert um dann deutlich langsamer meinen Weg fortzusetzen. Die Blade taucht ganz am Ende einer Gerade für einen kurzen Moment im Rückspiegel auf...er versucht es nichtmehr, bleibt auf Abstand.
Es ist wieder passiert, es war schon lange her, mehr als 10 Jahre als es zuletzt passiert ist! Ich habe ihn gerichtet! Er wollte mich richten....aber ich habe ihn gerichtet...mit Topcase, Tankrucksack und Jethelm eingestampft. Er wird heutabend seine Blade im Internet inserieren und sich eine Reiseenduro kaufen wollen, die Lederkombi wird gegen eine Kevlar-Jeans, der Integralhelm gegen einen Jethelm getauscht. Ich habe ihn gerichtet und es genossen.
Die Vernunft kehrt vollends zurück als ich in das nächste Dorf einfahre. Ein leichtes Zittern durchfährt mich als das Adrenalin mit dem wieder einsetzenden Verstand kollidiert. Zuhause werde ich nichts davon erzählen, es war nur ein kurzer Ausflug, unspektakulär. Auf der Heimfahrt bleibe ich konzentriert, danke dafür dass nichts passiert ist und frage mich nach dem Sinn. Am nächsten Tag werde ich wandern gehen, sind doch die Eindrücke der Umgebung zu Fuß viel bleibender und intensiver als auf dem Motorrad. Und dennoch: Es wird wieder passieren! Nächste Woche, in einem Jahr, in 10 Jahren, ich weiss es nicht, war es ein Traum, war es Wirklichkeit...aber es wird wieder passieren.